Mut zur Garten-WG

„Nie im Leben werde ich Kleingärtner!“

Ja, das war meine reflexartige Reaktion, als Freunde uns erwartungsfroh von der freigewordenen Gartenparzelle in ihrem Kleingartenverein berichteten. Während meine Frau schon nach wenigen Augenblicken die erste Phase der Vorbereitung – Euphorie – bereits verlassen hatte, um in die zweite – Planung – überzugehen, blitzten vor meinen Augen schlagartig die lange gepflegten Kleingarten-Klischees auf. Stiefmütterchen. Rasenbürokratie. Fahnenmasten. Gartenzw… – niemals!

Ich sollte mich noch wundern wie schnell, radikal und nachhaltig sich eine festgeglaubte Überzeugung ins Gegenteil verkehren kann. Schon am nächsten Tag hat uns der Zufall in die Nähe der besagten Kleingartenanlage verschlagen. „Och komm, einmal kurz gucken.“ Keine Lust auf Diskussion. Augen zu und durch…

Die Insel im feindlichen Gebiet

Wir hatten keine drei Schritte in das (noch) feindliche Gebiet gesetzt und ich sah all meine Vorurteile bestätigt. Im Garten vor uns erinnerte so ziemlich alles an den Geometrie-Unterricht in der Mittelstufe. Nur in bunt. Mit viel braun dazwischen. Sichtbare Blumenerde ist hier offensichtlich ein Schönheitsmerkmal.

Doch nach ein paar Metern ließ der erste Schock etwas nach. Gut, anscheinend gibt es doch auch unter Kleingärtnern unterschiedliche Auffassungen von Gartenpflege. Und noch ein paar Meter weiter dann das, was in meiner vorurteilsbelasteten Vorstellung bisher keine Existenzberechtigung hatte: ein völlig verwildertes Grundstück. Mächtige Obstbäume, verwahrloste Büsche, Unkraut, das sprichwörtlich über sich hinauswächst. Und in der Mitte der grünen Hölle ragt ein kleines gelbes Häuschen mit Ziegeldach und gemauertem Schornstein hervor. Aber das ist doch jetzt nicht die besagte freie Parzelle, oder? Einmal kurz zurück zum Lageplan. Gibt’s nicht – sie ist es!

Unser gelbes Häusschen in der damaligen grünen Hölle
Unser gelbes Häusschen im grünen Dickicht

Die Geburtsstunde einer Garten-WG

Und plötzlich blitzten wieder Bilder vor meinen Augen auf. Doch diesmal andere: Kirschen essen in der Hängematte, gemütliche Grillabende und Gartenpartys am Lagerfeuer. Hatte ich irgendwas gegen Kleingärten gesagt? Kann mich nicht erinnern… Vorbereitungs-Phase 1 schnell abgehakt und den Herausforderungen von Phase 2 zugewandt: wie geht man sowas eigentlich an? Die beachtlichen 500m² sind vielleicht etwas viel für zwei. Wir brauchen Verstärkung.

Da fallen uns doch direkt drei Freunde ein, denen es genauso geht wie uns: überzeugte Städter, die sich nach einem eigenen Garten sehnen. Eine Wohnung mit Garten in unserer aller Lieblingsstadt kann man lange suchen. Der Vorschlag, dieses Dilemma mit Hilfe eines Kleingartens zu lösen, kam bei ihnen ähnlich gut an wie bei mir. O-Ton: „Was habt Ihr denn geraucht?!“. Und wieder reichte ein kurzer Besuch beim gelben Häuschen im Urwald, um festgefahrene Denkmuster aufzubrechen. Die Geburtsstunde unserer Garten-WG.

Nicht nachdenken, machen!

Macheten wären hilfreich gewesen, aber mit dem Rasenmäher kamen wir auch weiter
Macheten wären vermutlich hilfreich gewesen…

Die Euphorie des neuen Beginns hat den Respekt vor der getroffenen Entscheidung zwar größtenteils überdeckt, aber doch nicht ganz. Die laufenden Kosten eines Kleingartens sind geringer als man glaubt, doch die Gefahr der Selbstüberschätzung ist einem bewusst. Da hilft nur eins: Optimismus. Ist das nicht doch zu viel Arbeit? Finden wir schon raus. Gemüseanbau? Kann man ja googlen. Werden wir dort akzeptiert? Hoffentlich. Verlieren wir irgendwann den Spaß am eigenen Kleingarten? Ach, bestimmt nicht…

Als erstes kam die Herangehensweise „nicht nachdenken, machen“ auf den Prüfstand – und wurde für gut befunden. Viele planlose, ausschweifende Rodungsaktionen haben uns weit nach vorne gebracht. Wie durch ein Wunder wurde niemand ernsthaft verletzt. Schnell waren ein paar Beete freigelegt und der erste Satz Gemüsepflänzchen konnte eingesetzt werden. Dann kamen über Nacht die Kaninchen und der zweite Satz Gemüsepflänzchen musste eingesetzt werden. Das nennt man dann Erfahrungsgewinn. Zu dem Zeitpunkt hatten wir ja keine Ahnung, was wir im selben Jahr noch alles ernten würden…

Grillen im eigenen Garten. Gibt schlechteres...
Da kann man sich dran gewöhnen…

Aber zum Glück gibt es in der Gartenwelt ja auch Bereiche, in denen wir von Anfang an auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen konnten. Zum Beispiel grillen und feiern. Es hatte nie jemand ernste Zweifel daran, dass der Grill das wichtigste Gartengerät werden würde. Und spätestens als der erste Rauch aufstieg und Grillduft in der Abendluft lag – während man sich nicht von Balkongeländern eingezwängt sah – war allen Beteiligten klar, dass man schlechtere Entscheidungen hätte treffen können.

Die Auswirkungen der grünen Zweitresidenz

Das alles ist jetzt ein Jahr her. Es ist unglaublich, was sich alles zum Positiven verändert hat. Der letzte Sommer hat sich für uns nahezu komplett in unserer grünen Zweitresidenz abgespielt. Der Frischgemüseanteil an unserer Ernährung hat ein Allzeithoch erreicht. Die Anzahl der sozialen Kontakte hat sich vervielfacht, da man eine ständige gemeinsame Anlaufstelle hat und jeder regelmäßig Freunde und Verwandte mitbringt. Gartenarbeit und Entspannung im Grünen sind wirklich der lange ersehnte Ausgleich zum alltäglichen Stress.

Wie gesagt, die Arbeit sollte nicht überhand nehmen... ;-)
Wie gesagt, die Arbeit sollte nicht überhand nehmen…

Doch zurück zu unseren anfänglichen Bedenken. Denn dazu kann ich jetzt deutlich mehr sagen: Ist das nicht doch zu viel Arbeit? Ja. Macht aber Spaß! Gemüseanbau? Eine Aufzählung der Ernte würde den Rahmen sprengen. Aber die Marmeladen, Gurkengläser, getrockneten Kräuter und der Aufgesetzte reichen noch bis zur nächsten Ernte. Werden wir dort akzeptiert? Absolut! Man unterschätzt, wie offen Kleingärtner sein können. Verlieren wir irgendwann den Spaß am eigenen Kleingarten? Niemals!

Nur der Anfang…

Die ersten Blüten des Jahres. Auf in die nächste Runde...
Die ersten Blüten des Jahres. Auf in die nächste Runde…

Die Erfahrungen des ersten Gartenjahres werde ich in weiteren Beiträgen noch genauer beleuchten. So viel sei vorweggenommen: verwilderte Ecken gibt es bis heute. Aber wen stört’s? Wir haben ja noch ein paar Jahre. Und die Arbeit sollte auch nicht überhand nehmen. Erst recht nicht, wenn jetzt bald die Fußball-EM anfängt. Auf unserer Terrasse. Mit Grill.

Wenn Sie also überlegen, ob eine Garten-WG etwas für Sie wäre oder jemanden kennen, den Sie überzeugen wollen, hoffe ich, dass ich mit meinem Beitrag helfen konnte. Mein Standpunkt ist klar: nicht nachdenken, machen! Mut zur Garten-WG!

Ein chinesisches Sprichwort lautet übrigens: Das Leben beginnt an dem Tag, an dem Du einen Garten anlegst. Naja, wir wollen mal nicht übertreiben. Aber ich verstehe jetzt, worauf die hinaus wollen…

 


 

GBT

Von
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2 Kommentare

  • Lieber Arne,
    was ein schöner Artikel! Da können wir ex-hausnachbarn uns ja auf die Schulter klopfen und freuen, dass das mit der Inspiration und dem Abbau der Vorurteile funktioniert hat! Auf das Gärtnern!

    • Hey Kathrin,
      allerdings – Schulterklopfen ist absolut berechtigt!
      Uns wäre sonst sehr viel entgangen… 😉
      Viele Grüße in die Garten-Nachbarschaft!

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